Pressemitteilungen

Eine schwäbische Zeitreise zu Dampfloks und Plumpsklos

Am 25. Juli feierte die Ausstellung „Alltag auf der Alb“ von Botho Walldorf ihre Eröffnung. Darin erweckt der Fotograf die Vergangenheit auf der Alb zu neuem Leben. Bis zum 5. Oktober sind seine Bilder im Staatsarchiv Sigmaringen zu sehen.

Besucher aus der gesamten Region kamen zur Eröffnung der Ausstellung „Alltag auf der Alb“ ins Staatsarchiv Sigmaringen. Seit 1960 beobachtete der Fotograf Botho Walldorf mit seiner Kamera den Wandel in den Randgemeinden der Schwäbischen Alb. Chefarchivar Volker Trugenberger begrüßte die Besucher im voll besetzten Spiegelsaal des Archivs. „Es ist ein Glücksfall, dass Botho Walldorf seine Fotografien im Staatsarchiv hinterlegt“, betonte er. Mit seinem Gespür hätte Walldorf ein Stück Alltagsgeschichte festgehalten – egal ob es sich um die letzte Dampflok oder ein einfaches Plumpsklo handle. Besonders interessant seien Aufnahmen, in denen Vergangenheit und Moderne spürbar ineinander übergehen: Wenn etwa während einer Prozession ein Gastarbeiter sein Auto putzte. Außerdem bedankte sich Trugenberger auch für Walldorfs beständige Mithilfe: „Sie unterstützen uns nachhaltig bei der Verwahrung!“ Denn jede einzelne Aufnahme beschriftete der Fotograf detailliert mit dem Entstehungskontext.

Welt ohne Instagram

Die Betreuung und Konzeption der Ausstellung übernahmen Studierende der Universität Tübingen, geleitet von Medienwissenschaftler Dr. Ulrich Hägele. Als Teil des Organisations-Teams führte die Master-Studentin Luna Selle in die Ausstellung ein. „Die Menschen kannten Botho; sie hatten Vertrauen zu ihm“, erklärte Selle. Deshalb seien in der Ausstellung sehr viele persönliche Aufnahmen zu sehen. Eine Fotografie zeige beispielsweise die erkrankte Maria Gögel 1976 in ihrem Bett, wie sie eine heilige Votivtafel in den Händen hielt. Der Betrachter bekommt dabei Einblick in ihr Schlafzimmer. Nicht bei allen Zeitgenossen seien solche Aufnahmen deshalb auf Begeisterung gestoßen. „Manche fühlten sich geschmeichelt, andere waren über den Eingriff in ihre Privatsphäre empört“, sagte Selle. Schließlich war es eine Zeit, „lange bevor die Leute auf Instagram der Welt alles mitteilten“. Diesen Wert erkannte auch Ulrich Hägele, der die Bilder digitalisierte, „um den Staub der Jahrzehnte abzuschütteln.“ Anschließend trafen seine Studenten eine Auswahl der Bilder und bearbeiteten sie – in steter Rücksprache mit dem Fotografen. „Botho ist eine unerschöpfliche Quelle an Informationen“, stellte Selle fest.

Bilder wecken Erinnerungen

Nach den Grußworten ging es dann ein Stockwerk tiefer in den Gartensaal. Hier wird bis zum 5. Oktober auf Schautafeln eine Auswahl von 50 Bildern ausgestellt. Diese zeigen fünf Oberthemen: „Menschen“, „Architektur & Artefakte“, „Arbeit & Alltag“, „Fest & Brauch“ sowie „Technik“. Einige Besucher der Eröffnung kamen selbst aus Gammertingen und erkannten daher schnell Orte oder Menschen ihrer Heimat wieder. Etwas grübelnd betrachtete der Rentner Martin Hahn eine Aufnahme zweier Männer beim Sonntagsspaziergang. „Mir kommen die beiden aber nicht wirklich bekannt vor“, so Hahn. In diesen Momenten konnte Botho Walldorf mit seinem Wissen punkten. „Hier rechts ist doch der Konditor Franz Göggel“, so Walldorf, „gelebt hat er von 1899 bis 1987.“ Franz Göggel habe seinem Bruder aus der Schweiz 1974 die Umgebung gezeigt. Diese Zusatzinformation half auch Martin Hahn auf die Sprünge. „Stimmt, ich kannte seinen Sohn, wir waren im gleichen Jahrgang“, berichtete dieser plötzlich. Denn nachdem Hahn jahrelang in Berlin gelebte hatte, kehrte er erst im Ruhestand nach Gammertingen zurück. „Dadurch ist mir die Vergangenheit nicht mehr so präsent.“ Die Ausstellung sei deswegen eine schöne Zeitreise.

Gammertingen ist überall

Aber man musste kein Gammertinger sein, um das Besondere an den Aufnahmen zu spüren. Für die Bilder interessierte sich auch die gebürtige Frankfurterin Ilse Lippert, die Vergleiche zu ihrer eigenen Kindheit zog: „Im Zweiten Weltkrieg evakuierte man mich auf das Land in Nordhessen“, berichtete die 89-Jährige. Dort habe es dann teilweise ähnlich wie auf den Aufnahmen von Botho Walldorf ausgesehen. Einen kleinen Unterschied gab es aber doch: „Ein so düsteres Plumpsklo wie auf dieser Aufnahme von 1975 hatten wir nicht“, erzählte sie lachend. Umso interessanter fand sie es, die beiden ländlichen Regionen zu vergleichen. Diese überregionale Bedeutung von Walldorfs Bildern bestätigte auch Chefarchivar Trugenberger. Es gebe bundesweit zahlreiche Internetzugriffe auf dessen Fotografien von der Homepage des Staatsarchivs. Zudem würden auch wissenschaftliche Publikationen Walldorfs Bilder verwenden: „Wegen dieser Verdienste um die Dokumentation der Alltagsgeschichte habe ich den Antrag gestellt, Botho Walldorf die Heimatmedaille des Landes Baden-Württemberg zu verleihen“, sagte Trugenberger. Seit 1978 zeichnet sie jährlich zehn Bürger aus, die sich für Heimat- und Brauchtum engagieren.

Aufgabe für die Ewigkeit

Bis September wird Walldorf erfahren, ob es mit der Auszeichnung geklappt hat. Eine Ehrung durch das Land wäre eine große Anerkennung für den ungewöhnlichen Fotografen, der 1945 als Heimatvertriebener auf Rügen zur Welt kam. Auf der Suche nach Arbeit zog seine Mutter nach Schwaben. Dort begann Walldorf schon als Schüler, das Leben auf der Schwäbischen Alb mit der Kamera festzuhalten. „Das hat mich mein ganzes Leben begleitet, dass ich immer ein teilnehmender Beobachter von außen war“, sagte Walldorf vor der Ausstellung. So fing er auch erst 1968 an, seine Bilder auf Senioren-Nachmittagen zu präsentieren. Und erst weitere zwanzig Jahre später bot Walldorf sie dem Staatsarchiv an. Auf Wunsch von Volker Trugenberger begann der Fotograf schließlich, die Fotos zu beschriften – oft während er Urlaub hatte. Walldorf hält diese Aufgabe für äußerst wichtig: So seien zwar noch heute viele Gebäude erhalten, nur seien ihre Bewohner längst verschwunden. „Übrig bleiben nur diese Bilder“, um ihre kleinen und großen Erlebnisse zu bewahren, berichtete Walldorf. Die Ausstellung versucht damit, jungen und alten Besuchern gleichermaßen eine vergangene Welt vorzustellen.

Besucherinformation

Besucher können die Ausstellung noch bis zum 5. Oktober 2018 im Staatsarchiv Sigmaringen, Karlstraße 1 + 3, besuchen. Geöffnet ist sie Dienstag bis Freitag, 9:00 bis 16.30 Uhr. Der Eintritt ist frei. Zudem ist zur Ausstellung ein gleichnamiger Katalog erschienen, der in der Ausstellung und über den Buchhandel bezogen werden kann.

Danksagung

Wir bedanken uns bei Botho Walldorf für die gute Zusammenarbeit und wünschen ihm, dass er mit seiner Kamera noch viele schöne Erlebnisse festhalten kann.